Nordsee-Tourismus: Vogelkiek auf Nordstrand

Nordsee-Tourismus: Vogelkiek auf Nordstrand

(prehoga) Vogelkiek auf Nordstrand.

Es ist zwei Stunden vor Hochwasser und die Nordsee kommt zurück. Weite Teile des Wattenmeeres nördlich von Nordstrand sind bereits überflutet und das Wasser strahlt im milden, tiefen Licht der späten Nachmittagssonne. Mit dem Wasser kehren die Vögel zurück; tausende, zigtausende, von Watvögeln fressen sich im Watt satt – und sie suchen nun ihre Schlaf- und Ruheplätze im Beltringharder Koog auf. „Dies ist die beste Zeit zur Vogelbeobachtung“, sagt Nele Dahme und richtet das Spektiv auf das stille Wasser des Koogs aus. „Denn dann konzentrieren sich die Vögel auf die Wasserflächen im Koog“, ergänzt ihre Kollegin Katharina Koch; sie sucht das Gebiet mit dem Fernglas ab. „Guck, da sind schon ein paar Taucher!“ Enten und Haubentaucher hat sie gefunden und Arten sind darunter, die kennt man kaum. Wahrlich; der Beltringharder Koog bei Nordstrand ist ein Bilderbuch der Vogelwelt.

Hier am Holmer Siel: Links läuft die Nordsee auf, darin zu erkennen die Hallig Nordstrandischmoor, und nach Norden sticht ein Deich bis zum Horizont, ein schmaler Strich, der sich zwischen Nordsee sowie den Seen und dem Riet im menschenleeren Koog verliert. Jetzt im Herbst sieht man die beiden jungen Frauen oft auf dem Deich des Kooges, dort wo die Halbinsel Nordstrand unmerklich in das Festland Schleswig-Holsteins übergeht. Katharina Koch, 19, und Nele Dahme, 26, leisten einen freiwilligen Dienst bei der Schutzstation Wattenmeer auf Nordstrand – Vögel zählen und beobachten für die Wissenschaft, Gebietsbetreuung, Spülsaummonitoring und Umweltbildung für den interessierten Gast, gehören zu ihren Aufgaben. Seit vergangenen Juli beziehungsweise August (2018) leben sie für ein Jahr auf Nordstrand. Und sie führen Gäste zu den besten Stellen zur Vogelbeobachtung. Den Koog kann man zu Fuß oder auf dem Fahrrad auf den Wegen am Deich erleben.

Was hat euch nach Nordstrand gezogen? „Der Ort strahlt eine gewisse Ruhe aus. Er ist wie eine Tankstelle für die Seele, dennoch gibt es immer etwas zu erleben. Man kann zum Beispiel Wattwanderung machen durch den Lebensraum auf den zweiten Blick, Fahrradtouren über die ganze Insel oder sich am Deich einfach nur vom Wind durchpusten lassen“, sagt Nele. „Nordstrand ist einfach gemütlich. Mit den Töpfereien, den kleinen Ortschaften, den netten Cafes und Restaurants, dem Kurzentrum mit Schwimmbad und natürlich unserer Nationalpark-Ausstellung. Alles eine Nummer kleiner, aber umso schöner“, ergänzt Katharina.

Der Beltringharder Koog ist ein von Menschen geschaffenes Gebiet: 1987 wurde diese Eindeichung in der Nordstrander Bucht fertiggestellt und die ehemalige Marschinsel Nordstrand endgültig an das Festland angebunden. Dies war eine der größten küstenschutzbaulichen Maßnahmen an der deutschen Küste – und sie ging nicht ohne Proteste vonstatten. Als Ausgleich ist fast die gesamte Fläche dem Naturschutz unterstellt, so sind nun 3350 Hektar geschütztes Gebiet. „Ein wichtiges Gebiet sowohl für Brut- als auch für Rastvögel“, sagt Katharina.

Und weiter: „Watvögel finden ihre Nahrung im Watt und zum Beispiel sowohl Gänse als auch Enten fressen im landseitigen Feuchtgrünland – und eben diese Vielfalt macht den Beltringharder Koog so wertvoll für den Vogelschutz.“ Kommt hinzu, dass sich im Koog Süß- und Salzwasserflächen abwechseln; es gibt zudem Brackwasserbereiche und eine tidebeeinflusste Lagune, der Koog dient außerdem als Speicherbecken für die Entwässerung des Binnenlandes über den Fluss Arlau. „Dieses Zusammenspiel, diese Abwechslung, fördert eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt“, sagt Nele. Zur Vogelbeobachtung gibt es kaum einen besseren Ort als hier, am Holmer Siel.

Nele hat das Spektiv scharf gestellt, mit 65facher Vergrößerung holt sie Weißwangengänse und Nilgänse nah heran. „Im Herbst ist Nordstrand, ist gerade der Beltringharder Koog, ein Hot Spot der Vogelbeobachtung“, sagt sie, „unsere heimischen Zugvögel sind noch nicht alle fort – und die Gäste aus dem hohen Norden treffen langsam ein, um hier eine längere Rast einzulegen oder teilweise zum Überwintern.“ Der Vogelzug des Herbstes, und natürlich der im Frühjahr, sind die jahreszeitlich beste Zeit zum Vogelkiek. Trifft das auflaufende Hochwasser ein, das die Vögel zurück an die Waterkant treibt, kommt man aus dem Schauen und Staunen nicht mehr heraus.

Eine Schar Graugänse fliegt in ihrer typischen V-Form ein. Man hört die Tiere eher an ihrem sehnsuchtsvollen Ruf als dass man sie sieht. „Die Vögel bevorzugen die Wasser- und Rietflächen des Koogs, auch weil sie hier vor Feinden wie zum Beispiel Füchsen relativ ungestört rasten und ruhen können“, berichtet Katharina. Nur vor einem Feind sind sie auch hier nicht sicher: seit einiger Zeit kreist ein riesiger Greifvogel, noch hoch oben aber beständig, im Himmel – ein Seeadler. Allein vier dieser riesigen Greife sind am heutigen Tag beobachtet worden. Und auch dies kann man hier durchaus sehen: wenn ein Seeadler hinabstürzt und sich eine Gans holt. Oder das, was gerade da ist.

„Wir waren letztens schon auf dem Rückweg von einer Vogelbeobachtung, als nach dem Vogelkiek plötzlich Panik unter den Vögeln ausbrach“, sagt Nele. „Erst sahen wir den Adler am Himmel kreisen, dann kam er ´runter, und zack!,hatte er sich eine Graugans ausgeguckt. Die anderen Vögel sind dann panisch aufgeflogen“, berichtet Katharina. Glück gehört gewiss dazu, ein solches Schauspiel zu beobachten, aber wenn man weiß wo, dann braucht es vielleicht nur noch ein bisschen Geduld. Der aktuell, hoch oben kreisende, Greifvogel ist inzwischen nicht mehr zu sehen, aber der Koog ist groß…

Wieder fliegen Gänse ein und landen auf dem Wasser des Beltringharder Koogs. Katharina hat derweil etwas mit dem, schwächeren, Fernglas gesehen, Nele schwenkt das Spektiv und holt die Sichtung nahe heran. „Dort hinten, auf der Sandbank, sitzen Kormorane, das davor sind Enten.“ Bloß welche? Da müssen sie selbst erst ins Bestimmungsbuch schauen. Pfeifenten sind es und Reiherenten, Eiderenten und Tafelenten.

Langsam kriecht die abendliche Kühle heran, die Nordsee glänzt im tiefen Licht orange, der Osthimmel ist schon tiefblau und kalt. „Beim Sonnenuntergang ist das hier fast zu schön“, meinen Nele und Katharina, „fast schon kitschig – und jetzt, um diese Tageszeit und bei Hochwasser, werden immer mehr und mehr Vögel kommen.“ Fliegen ein oder sind plötzlich da; kommen von der See heran oder aus dem Hinterland. „Hier ist immer was los, schau: dies sind Alpenstrandläufer und das Knutts. Und dort, hinter den Graugänsen und vor den Nonnengänsen, sind Kampfläufer.“ Jeder Blick durch das Glas zeigt Vögel; immer dichter stehen die Tiere, manche trippeln aufgeregt hin und her, andere scheinen schon zu ruhen. Nele und Katharina erzählen von Sandregenpfeifern und Säbelschnäblern, vom Goldregenpfeifer. Und vom Kiebitz – diesen hübschen Vogel mit seinem typischen Ruf kennt man gewiss. Aber zieht der nicht im Winter fort? „Unsere schon; diese Kiebitze dort, das sind die Wintergäste aus Skandinavien.“

Plötzlich fliegen zahllose Vögel auf, ein dichter Schwarm Rotschenkel huscht durch den Abendhimmel. Aufgeregt, fast panisch. Ist der Seeadler zurück? Im flatternden Schwarm ist ein freier Raum zu erkennen, darin die Silhouette eines größeren Vogels. Ein Sperber, beim Versuch des schnellen Zugriffs. Staunend schauen die beiden jungen Frauen diesem irren, bisweilen tödlichen, Tanz zu. Es dämmert längst über dem Beltringharder Koog. Und was dort jetzt passiert, bleibt ein Geheimnis der Vögel. Ein melancholischer Ruf weht leise über Koog und Deich und über die See fort in die Nacht. „Das war der Brachvogel“, sagen Nele und Katharina ebenso leise. So, als wollten sie nicht stören.

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Nordstrand Tourismus
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Quelle: Pressemitteilung Nordstrand Tourismus vom 10.10.2018
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